Blogito ergo sum

Mit seiner berühmten Erkenntnis "Ich denke, also bin ich" (cogito ergo sum) schuf der Philosoph René Descartes in Sachen aktiver Zitatenschatz völlig neue Maßstäbe. Daran konnte auch die später melodiös angebrachte metaphysisch dialektische Kritik von Juliane Werding "Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst" nicht wirklich viel ändern. Descartes' Original blieb trotzdem souverän in aller Munde. Und mehr noch - inzwischen hat sogar das Web 2.0 zu der rationalistischen Denkfigur dieses prominenten Cartesianisten nahtlos aufgeschlossen. Blogito ergo sum - Ich blogge, also bin ich. Das ist die ultimativ internette aktuell zeitgeistige Interpretation dieses ewig jungen Geistesblitzes. Ein schöner Anlass, einmal einen genaueren Blick darauf zu werfen, was genau jemand ist, der bloggt.

Blogger sind kommunikativ

Als die ersten Blogs das Licht der elektronischen Welt erblickten, äugte so mancher mit offener bis unverhohlener Skepsis auf all jene, die hier ganz offenbar zu einem netzöffentlichen Seelenstriptease bereit waren. Heute ist klar geworden: Blogger sind keine schamlosen Exhibitionisten, sondern einfach nur mitteilungsfreudige Zeitgenossen, die ihren Freunden und Followern reinen Herzens einen offenen Blick durch das Schlüsselloch zur Zimmertür ihrer Privatsphäre gewähren mögen. Wie weit und wie tief dieser Blick wandern darf, bleibt schließlich nach wie vor dem Blogbetreiber und seiner individuellen Freizügigkeit überlassen. Nach dem Motto "fast alles darf und nichts muss" lassen uns private Blogger an ihrem prallen Alltag schnuppern. Das kann vergnüglich sein, informativ, interessant, aber durchaus auch mal traurig oder nachdenklich stimmend. Eben genau so bunt wie das Leben selbst.

Blogger sind neugierig

Was denkt die Community über meine Ideen? Wie kommen meine Beiträge und Kommentare in der Blogosphäre an? Welcher Zeitgeist schwebt momentan über den elektronischen Wassern? Wie ist die Stimmung im Lande? Was wird gerade besonders eifrig diskutiert? Wen solche und ähnliche Fragen nicht kalt lassen, der hat in seinem Blog die ideale Möglichkeit gefunden, sich selbst und seine Leserschaft immer wieder neu zu erfahren. Dabei besteht natürlich auch grundsätzlich die Möglichkeit, eine Art individuellen investigativen Privatjournalismus zu betreiben. So mancher Wutbürger hat sich nämlich schon in seinem eigenen Blog Luft gemacht. Über eine mehr als bescheidene Gebrauchsanweisung, über verdorrte Oasen in der deutschen Servicewüste, über die megalomanen Unverschämtheiten monopolistischer Anbieter, über die Wucherpreise an den Tankstellen - an Themen fehlt es emotional schwingungsfähigen und am Weltgeschehen interessierten Bloggern jedenfalls nie.

Blogger sind up to date

Gute Blogger legen in ihrem eigenen Sprachrohr immer wieder frisch nach. Und wenn das Blog nicht gerade die zeitlose Aufarbeitung historischer Ereignisse zum Gegenstand hat, bedeutet das: permanente Aktualität! Genau das ist es auch, was Surfer zu Recht verlangen und erwarten. Denn auch im Zeitalter des Blog gilt: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.

Keine Frage: Bloggen verlangt Aktivität und Durchhaltevermögen. Doch wer täglich sein virtuelles Herzblut in sein eigenes Blog fließen lässt, der wird wahrscheinlich eher mit dem Hufescharren seiner eigenen Übermotivation zu kämpfen haben, als mit grauer Phantasielosigkeit und dumpfem Einerlei.

In diesem Sinne: Vita ex Blog. Leben aus dem Blog. Leben, wie es sein sollte.

                                                                                                              -Carina Collany-